Raum-Zeitverdichtung ohne kleiner zu werden: Weimarfahrt 2020

Als Goethe mit den ersten Versuchen zur „Farbenlehre“ begann, nutzte er ein Prisma. Die 15 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 9 konnten in fünf Tagen „Weimar-Buchenwald“ eine Klammer von 200.000 Jahren Geschichte erleben, die einen Schwerpunkt auf Epochen von Kultur und Geschichte der letzten 300 Jahre wie durch ein Prisma aufleuchten liess.

Herr Pfennig und Frau Fischer wurden durch das IBB-Dortmund, unseren langjährigen Partner für Organisation, unterstützt. Vor- und Nachbereitung, insbesondere der Gedenkthematik zum KZ Buchenwald, wurden professionell und auf Jugendliche zugeschnitten durch eine Histrorikerin angeleitet. Doch hier der „Reihe“ nach:

Dass sich eine Gruppe 15-Jähriger im Dunkel ohne Vorbereitung bei einer Notfallübung völlig korrekt verhalten kann, erfuhren wir bei der „Parkhöhlenerkundung“. Eine sehr unterhaltsame Führung entlang von versteinertem Röhricht und Muschelkalk hat die Höhlenwissenschaftlerin mit viel Wissen zur „Geschichte“ Weimars aus der Urzeit verbunden. So brachte die exzellent aufeinander eingespielte Gruppe hüpfend, mit Helmen versehen, einen Seismographen in Schwingung. In Weimar lagern die Zeitschichten nicht nur nebeneinander, sondern vor allem übereinander, denn am „Klassik-Tag“…

…befanden wir uns bei sonnigem Wetter genau über der Höhle, nämlich im „Ilm-Park“. Romantische Gartengestaltung rund um das „Goethe-Gartenhaus“ als Zentrum spätjugendlicher Drangzeit des „Dichterfürsten“ faszinierte. Die höfische Gesellschaft und ihre aufklärerische Tätigkeit wurden wieder lebendig. Auf dem „Phoenix-Rundgang“ gelang es dem Referenten der „Klassik-Stiftung“, die Bedeutung der zentralen Orte Weimars gut verständlich näherzubringen. Kluge Fragen stellten die Schüler und sie bekamen fachkundig Antwort. Diesen Klassik-Tauchgang verarbeiteten die Teilnehmer abends in der Herberge bei „Vier gewinnt“ gegen Herrn Pfennig (ständig verloren) oder bei Billard und Kicker.

Keine Reisegruppe des Stadtgymnasiums hat die Besuchszeit in der „Anna-Amalia-Bibliothek“ länger ausgereizt (und die dort zulässige Atemluftkonzentration mehr überschritten) als diese. Wie ein metallisches Rauschen umgab die neugierige Gruppe eine Wolke erzählter Weimar-Geschichten aus den Audio-Guides. Nicht weniger erstaunt waren die Schüler über den auf höchstem Niveau eingerichteten Neubau der Bibliothek inmitten von Renaissancegebäuden. Nur knapp verpassten wir die Kulturstaatsministerin und ihr ganz eigenes Rauschen…

Das schon am ersten Tag in einer Ralleye erkundete innere Stadtgebiet Weimars konnte intensiver verinnerlicht werden, als wir Räume ausgewählter Dichterhäuser betraten. Indem man immer weiter nach Weimar vordringt, gerät man gleichzeitig wesentlich weiter darüber hinaus: Verbindungen nach Rom, Jena, Frankfurt am Main und Berlin, ganz zu schweigen von der exentrischen Reisetätigkeit Franz Liszts, konnten mit historischen Ereignissen verbunden werden.

Zwischenzeitlich versuchten einige Schüler sich im „Weimar-Atrium“ zu „erden“, denn hinter dieser Begrifflichkeit versteckte sich die bunte Warenwelt des Einkaufszentrums, was ganz zum Gegenpol des „Buchenwald-Tages“ geriet, dessen Lehre allen deutlich wurde. Das Abgehen der Gedenkstätte setzte Kreativität frei. Frei sprechen konnten sich die Schüler am Abend, konnten ihre persönlichen Eindrücke zum Leid der Menschen äußern, zur Politik, die dies zuliess.

Die Rolle der Jugend besteht darin, auch aus diesen Tiefen aufzutauchen und die Gegenwart mit der Geschichte zu verbinden, was bei einer studentischen Führung zu Leben, Arbeiten und Theorien in den Räumen der „Bauhaus-Universität“ sehr anschaulich und anspruchsvoll gelang. Auch das 2019 eröffnete „Bauhaus-Museum“ brachte Farbe in unser Epochenprisma. Im gleichen Atemzug lugten wir direkt noch in die „Fürstengruft“ hinein und einige konnten ihr Russisch in der angeschlossenen „orthodoxen Kirche“ einbringen.

Auf diese Weise verklammert staunte und schwieg, diskutierte und raunte, schaute und dachte, suchte und fand eine stark interessierte Gruppe mit viel Freude Spaß in Weimar und auf der Zugfahrt.

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Text und Fotos: Jan Pfennig

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