Mit „kleinen Schritten“ gegen sozialen Abstieg: Stadtgymnasium Dortmund geht in die BoDo-Redaktion. Ein Bericht über Erfolge in der sozialen Arbeit.

Bodo Foto 2015 Gk SowiZum Thema „Die soziale Sicherung in Deutschland – Geschichte, Konzepte und Kritik“ besuchten Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 12 mit ihrem Lehrer Jan Pfennig die Redaktion des Straßenmagazins BoDo in Dortmund. Bastian Pütter, Redaktionsleiter der BoDo, stellte sich ausführlich den aus Unterrichtsstunden hervorgegangenen Fragen, er illustrierte Abstraktes durch Fallbeispiele, erläuterte Biografien und gesellschaftliche Bedingungen: Das Gespräch gelang anschaulich, persönlich und lebendig.

Auf die Einstiegsfrage, welche Gründe in Deutschland zu Obdachlosigkeit führen, wenn doch das Sozialsystem unseres Landes dies zu verhindern versuche, konnte Herr Pütter uns keine einfache Antwort geben. Doch sprachen aus ihm sehr persönliche Erfahrungen mit Betroffenen, denen sowohl Aberkennungserfahrungen durch ungünstige Lebensumstände oder aufeinander folgende Schicksalsschläge wie zum Beispiel Depressionen, Suchterkrankungen, die Trennung vom Lebenspartner oder der Verlust von nahestehenden Personen die Kontrolle über das eigene Leben entziehen können.

Gelegentlich ist auch Angst vor dem Gang zu Ämtern ein treibender Faktor in soziale Ausgrenzung und materielle Not. Wie wir erfahren haben, ist Obdachlosigkeit nur ein Symptom und nicht das Problem. Und hier setzt BoDo an: Mit der „Methode der kleinen Schritte“ stellen die Betroffenen sich konkrete Aufgaben und setzen sich Ziele, die sie zu einer gelingenden Tagesstruktur mit Erfolgserlebnissen führen. Akuten Krisen wird mit akuten Anerkennungen entgegnet.

Wir wollten wissen, wie groß die Chance für diese Menschen ist, durch BoDo in ein geregeltes Leben zu finden. Herr Pütter erklärt, dass dies ein sehr langer Prozess sei, der dennoch durchaus möglich ist. Der Erfolg hänge aber auch von dem Menschen und seiner Willenskraft ab. Viele der Obdachlosen, die durch BoDo betreut wurden, finden kleinere Jobs, eine Wohnung oder besiegen ihre Suchterkrankung, sie ernten anerkennende Gespräche in ihrer sinnvollen Tätigkeit. Dabei arbeitet BoDo mit freien Trägern wie der Zentralen Beratungsstelle für Suchterkrankungen, der Diakonie, dem Schuldner-Beratungszentrum und den Ämtern eng zusammen.

Wir erfuhren, BoDo kann nur solch erfolgreiche Hilfe zur Selbsthilfe leisten, weil drei eigenständige Abteilungen im Hause vereint sind: Buchladen mit Arbeitskräften, Umzugsunternehmen und das Straßenmagazin, finanziert durch Anzeigen. Spenden aus der Bevölkerung aber sind ein wichtiger Beitrag.

Die 130 Verkäufer des Obdachlosenmagazins BoDo kaufen sich bei dem Verlag für 1,25 Euro die Zeitung. Auf der Straße wird sie für 2,50 Euro verkauft. Über den Gewinn kann der Verkäufer frei verfügen. Falls nicht alle Magazine verkauft werden, können diese an den Verlag zurückgegeben werden. Vor allem stärkt der Erfolg durch den Verkauf das Selbstwertgefühl und die Eigenständigkeit der Menschen enorm.

Das Gespräch beendeten wir mit der Frage, ob das ‚System BoDo‘, welches Selbsthilfe ins Zentrum rückt, eine Ergänzung zum Sozialsystem in Deutschland darstellt. Herr Pütter sagte, dass dieses Konzept gut sei, um Lücken innerhalb der Staatsaufgaben zu füllen. Auf keinen Fall aber stelle es einen Ersatz für den Sozialstaat dar, weil die dort angestrebte Stabilität nicht ersetzt werden sollte.

Text: Lorina Rosinski, Stufe 12/ Jan Pfennig, Kurslehrer SW
Foto: Carla Grewe, Stufe 12

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