„Mein Vater hatte verstanden, dass er in Deutschland nicht leben konnte.“

Es ist diese fundamentale Erkenntnis, die Yonat Schlezingers Vater in den 1930er Jahren sein Leben rettete. Deshalb ist die Leidensgeschichte von Frau Schlezingers Familie aber nicht weniger aufrüttelnd, wie 60 Schülerinnen und Schülern der Oberstufe erfahren durften, als Frau Shlezinger Einblicke in das Leben ihrer Eltern gewährte, die zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland beziehungsweise in Polen lebten.

So hatte sich ihr Vater Josef Strupp aus Gotha heimlich in die Hitlerjugend eingeschlichen, Hitlers „Mein Kampf“ gelesen und dann entschieden, eine landwirtschaftliche Ausbildung zu absolvieren. Damit erhielt er die Möglichkeit, nach Israel auszuwandern und dort in einem Kibutz (einer ländlichen Kollektivsiedlung in Israel mit gemeinsamem Eigentum und basisdemokratischen Strukturen) zu arbeiten. Frau Shlezingers Vater konnte so bereits vor dem Zweiten Weltkrieg nach Israel auswandern.

Seine spätere Frau Rachel Helfgott, Frau Shlezingers Mutter, gelangte erst nach einer viele Jahre andauernden Odyssee dorthin. Sie war hochschwanger, als die deutsche Wehrmacht 1941 in ihre Heimatstadt Stryj in der heutigen Ukraine einmarschierte. Schon die Geburt ihres ersten Kindes war durch die deutschen Soldaten erschwert worden, da sie das Krankenhaus gesperrt hatten. Noch am Tag der Geburt entging sie nur knapp der Bombardierung des Krankenhauses. Aber auch das Leben im Ghetto (dem abgeschlossenen Stadtviertel, in dem die jüdische Bevölkerung leben musste) war mit einem Baby ohne ausreichend Nahrung und Medikamente nahezu unmöglich – und so starb das Neugeborene nur wenige Tage später. Frau Schlezingers Mutter sprach daraufhin ein halbes Jahr nicht mehr und musste zahlreiche Deportationen jüdischer Mitbewohner aus dem Ghetto miterleben – auch die ihres eigenen Vaters. Ihre Mutter habe dennoch entkommen können, habe sich im Wald allein durchgeschlagen, und sich dabei auch von ihrer Mutter trennen müssen.

1949 schaffte sie es dann endlich, nach Israel auswandern. Dort lernte sie Josef Strupp kennen und gründete mit ihm eine neue Familie. Frau Shlezinger wurde im Jahr 1953 im Kibutz in Israel geboren. Erst spät habe ihre Mutter ihr von ihrem Leben in Europa in den 1940er Jahren erzählt. Diese Erinnerungen hätten ihre Mutter sehr aufgewühlt, aber es sei gut, dass sie diese nun weitergeben könne, damit sich so etwas wie die Shoa (Massenvernichtung der europäischen Juden während der Zeit des Nationalsozialismus) nicht wiederhole. Mit dem Foto ihrer eigenen Familie, ihrer Kinder und Enkelkinder endete der Vortrag von Frau Shlezinger.

Diesen optimistischen Blick in die Zukunft gab Frau Shlezinger den Schülerinnen und Schülern mit auf den Weg in der Hoffnung, dass diese ihre eigene Geschichte vor dem Hintergrund der Ereignisse im 20. Jahrhundert verantwortungsvoll gestalten werden

Text und Fotos: G. Arning