Staunen stiften mit Erfahrungsberichten:

Heinz Rothenpieler über die Entwicklungsarbeit im Kongo und über das erstaunliche soziale Paradox „hängender Mundwinkel“ in Deutschland

Stadtgymnasium, 19.03.2010, Vorraum der Aula: Selbst die räumliche Bedingung des Unterrichts schafft gewisse Erwartungen, denn im Halbkreis sitzen 24 Jugendliche des GW-Kurses der Stufe acht, und das um acht Uhr morgens – eher eine Seltenheit (!), um gleich einen Erfahrungsbericht Heinz Rothenpielers (Düsseldorf) zu den Entwicklungen im Kongo zu erhalten. Rothenpieler, der seit 18 Jahren Entwicklungsprojekte vorantreibt, antwortet auf die Frage von Ismail, wie er denn dieses Interesse am Kongo gefunden habe:„Man muss etwas unternehmen!“. Nach dem „Prinzip der Graswurzelarbeit“ (www.l-h-l.org) arbeitet er hauptamtlich für die Organisation Lernen-Helfen-Leben e.V., die u.a. Bildungsarbeit um das „Afrika-Bild in unseren Köpfen“ betreibt. Sehr gern, so Rothenpieler, spricht er vor jungen Zuhörern und es macht ihm sichtlich außerordentlich Spaß. Später zeigt er sich erstaunt über die kritischen, engagierten und authentischen Fragen der Schüler des StG.

Im Unterricht haben die Jugendlichen vorweg eine Auswahl an Themen kennen gelernt, zu denen sie in Gruppen Fragen an den Experten vorbereitet hatten. Von dieser diffusen Erwartungshaltung gelangten sie dann während des Vortrags auf konkrete Spuren. Einige der vorbereiteten Fragen erübrigten sich, da Herr Rothenpieler uns alle in Staunen versetzt: Filmausschnitte, unterlegt mit Geräuschen des afrikanischen Alltags, Bilder laufen auf der Leinwand, die, wie Traum-Bilder aus einer anderen Welt, leicht gerüttelt von der aus dem Auto oder in einer Menschenmenge auf den Alltag der Kongolesen gehaltenen Handkamera, uns knappe, authentische Ausschnitte einer anderen Kultur vermitteln. Sie zeigen die Menschen beim Singen, bei den Mahlzeiten, sie verschleiern nicht die enorm reduzierte Konsumwelt, aber sie zeigen bildungshungrige Kinder in Dorfschulen, die gemeinsam singen und Französisch lernen, die sich aber auch in einer insgesamt immer am Rande der physischen Bedrohung bestehenden Überlebensbemühung befinden.

Nicht nur, dass die Schüler des StG eine von Massenmedien ungefilterte Reiseberichterstattung erhalten, sondern sie erreicht die Freude, die Lebenslust der jungen kongolesischen Bevölkerung in einer von „kaum vorstellbarer Armut“ (Rothenpieler) betroffenen Weltregion. Diesen Zusammenhang betont der Referent in einer plastischen Erzählweise und macht uns darauf aufmerksam, dass ein Paradox seine Reiseerfahrungen jedes Mal erneut abrundet: „Die Begegnung mit erstaunlich tief hängenden Mundwinkeln nach der Landung im Frankfurter Flughafen machten mir bewusst, dass ein vergleichbar enorm hoher Lebensstandard, wie wir ihn genießen, vor Frustration und Traurigkeit nicht schützt.“ Aus der Tatsache des Lebenswillens sowie der Neugier der extrem jungen Bevölkerung im Kongo, schöpfen er und seine Kollegen von L-H-L e.V. und „Dialog international“ – eine Fördergemeinschaft demokratischer Friedensentwicklung, für die Rothenpieler arbeitet – ihre Kraft. Schließlich, so auf Edgars Frage nach Alter und Jugend in der kongolesischen Gesellschaft, stehe die ‚demographische Pyramide’ im Vergleich zu Deutschland buchstäblich auf dem Kopf: Dies lenkt den Fokus auf die Kinder.

Die Bilder des Vortrags zeigen die Notwendigkeit der Bildungs- und Entwicklungsarbeit: Sie soll vor allem Menschen in einer Region unserer Welt Hilfe zur Selbstentwicklung geben, welche zu einem großen Teil mit 0,2 Dollar Tageseinkommen weit unter der definierten UNO-Grenze absoluter Armut existieren müssen. Bildung, Erziehung, Ausbildung und wirtschaftliche Zukunft sind Standbeine einer guten Entwicklung: Aber besonders, so Rothenpieler, schätzten die Kongolesen „Begegnung auf Augenhöhe“ und begründet dies mit der Einsicht eines ihm bekannten Missionars: „Ich ging nach Afrika, um zu lernen, als Belehrter kam ich zurück.“ Auch dies kann als ein wichtiger Eindruck für unsere Schüler gelten.

Rothenpieler streift in seinem anschaulichen Vortrag einige große Themengebiete: Geschichte und Geografie des Kongo und der benachbarten Staaten (z.B. Ruanda) werden an Reisebildern verdeutlicht. Gesellschaft, Infrastruktur, Handel, Gewerbe, Bildung und Religion werden durch Reportagen über die aktuellen Projekte (Waisenhaus und Waldkindergarten, Tischlerei für ehemalige Kindersoldaten) veranschaulicht. Beispiele zum Leben in Land und Stadt enttäuschen die kulturellen Stereotype der Schüler zunächst, die auch der Unterricht vorher nicht entlarven konnte, da Großstädte und Industrie in Afrika längst Zivilisation europäischen Musters entfaltet haben. Der Unterschied zur armen ländlichen Region untermalt der Referent mit Hinweisen auf die Förderung umweltschonender Öfen (LORENA-Backofen aus Lehm, der effizient Holz einspart und eingeführt wurde.). Die Probleme einer eingeschliffenen Monokultur durch ausgeprägten Maniokanbau können durch Bildungsprojekte und Mikrokredite reguliert werden. Und immer wieder weist der Referent auf die Situation der Kinder hin, die dann auch die Schüler des StG besser verstehen können: Sie sind die Opfer einer verfehlten Entwicklungspolitik in der Ungeregeltheit derzeitiger Globalisierungsten-denzen.

Die Erwartungen an den Besuch wurden erfüllt: Zum Schluss entwickelte sich sogar eine rege Diskussion zwischen den Jugendlichen des Kurses und dem Gast aus der Entwicklungsarbeit, welche „äußerst selten auf diesem hohen Niveau zu beobachten ist“, wie der Referent im Gespräch betont.

Gefördert wurde die Veranstaltung mit Mitteln der Stiftung Umwelt und Entwicklung NRW sowie des Vereins zur Förderung des Stadtgymnasiums Dortmund e.V.

(Text: Jan Pfennig)

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